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Prosaischer Unfug

Beiträge:

  1. Die Stimme des Großmarkthändlers

  2. Das Schweigen der Geliebten


































Die Stimme des Großmarkthändlers

Als ich über den Gipfeln des engen Tales wanderte, das sich weit vor meinen geschlossenen Augen in wunderbaren Farben mit seltsamer Eintönigkeit erstreckte, erblickte ich in sanfter Stille laut die Schreie eines mir vertrauten seltsamen Vogels in das ebene Land dahinschweben. Sein oder Nichtsein kam es mir spontan nach intensiven Nachdenken in den Sinn. Ich spürte die nichtige Bedeutsamkeit dieser Ballade des Poeten Shakespeare. Die Sonne überstrahlte hoch am Horizont dunkel das Abendrot, das sich mit rasender Geschwindigkeit langsam von Osten auf mich zu bewegte. In meinen bangen, tapferen Herzen fühlte ich etwas von der gesammelten Zerrissenheit meiner greisen Kindertage, die sich vor meinem geistigen Auge konkret aus ferner Zukunft bis in mein vergangenes "Jetzt" zu mir herübergerettet haben. In der sanften Brise kräuselte sich spiegelglatt, aufgepeitscht durch heftige Böen, die versunkene Oberfläche des kleinen Bergsees, der aufgrund der nun schon lange andauernden Trockenperiode immer wieder durch wilde Schauer unterbrochen ausgetrocknet darlag. Die bunten Forellen sprangen in lustiger Trauer in ihrem grauen Schuppenkleid den dahingleitenden Wasserfall hoch, um dem gewaltigen Sterben der putzmunteren Lemminge beizuwohnen. Nur ein gewaltiges kleines Ruderboot schaukelte verlassen auf den Wogen der spiegelglatten See. Verstohlen winkte ich mit forsch erhobenen Händen den einsamen Ruderer zu mir herüber, der mit einer größeren Reisegesellschaft auf dem Balkon eines weißen Strandhotels die unberührte Wildnis betrachtete. In seinen geschlossenen Augen konnte man tief in seine aufgewühlte einsame Seele blicken, die uns in heller Freude still entgegenzurufen scheint:
Verweile doch nur einen ewigen Augenblick lang in der tönenden Stille dieser unberührten Natur und lausche der derben Stimme des Großmarkthändlers, der uns mit der stupiden Weisheit der finalen Unendlichkeit zuzurufen scheint: "Aale, Aale, Aale".


Erich Romberg, 1997

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Das Schweigen der Geliebten

Als ich mit aufgewühltem Schritte sie verließ, diese Unbeschreibliche, die Unglaubliche, regnete es. Unfähig, das nahende Ungemach zu erkennen, spann ich in Gedanken den vergessenen Regenschirm auf und trat unversehens in eine Pfütze. Das kalte, nasse Wasser durchdrang Schuhe und Socken. Oh wie mich das jäh aus dem Zustand schwebender Glückseligkeit in die dunklen Niederungen eines potentiellen grippalen Effekts hinunterriß.
In meinem Herzen noch brannte das Feuer einer berauschenden Liebe zur Angebeteten, als ein eklig stinkender Hundekothaufen das Unheil vollendete. Mit der wachsenden Nässe der Straße im strömenden Regen durchflutete der nun flüssige Kot die Sohlen meines teuren Wildlederschuhs, dessen Reinigung mich fast ein Vermögen kosten wird. Oh Geliebte, wie gerade in diesem Augenblick ich Dich vermißte, wie sehr just im unheimlichen Schicksal einer morastgetränkten Straße ich Deiner Umarmung bedurfte. Ich fragte mich, was würdest Du tun in dieser schmählichen Stunde der unbändigen Schicksalsschläge; Du, die in allem Unbill des Lebens Erfahrene; Du, die so manchen Kampf des Lebens in heroischer Kraft bewältigtest, z.B. damals, als die Mindestlöhne in der Stätte Deines Wirkens, der Packerei Hobhölzer & Klotzer nicht wie vorgesehen um 30 Pfennig, nein gerade um lumpige 18 Pfennige anhgehoben werden sollten. Wie mutig hattest Du seinerzeit die Fahnen des Protestes emporgehalten, hast weder geruht noch gerastet, bis Euch die Geschäftsführung immerhin 25 Pfennige zugestanden, bis Dir immerhin gut 50,-DM mehr im Monat Deinen Lebensstandard versüßten. Wie würdest Du, oh streitbare Amazone des Widerstandes gegen Billiglöhne, wie würde Dein tapferes Herz die Schmach von Nässe und Kot besiegen.
Das Schweigen der Geliebten stach mir in diesem Augenblick wie ein Vampirspflock durchs Herz; doch es tötete mich nicht; noch nicht. Wild entschlossen, immer den hehren Kampf der Geliebten im Auge meiner verzweifelten Seele durchdrang ich dieses Dickicht des weltlichen Unrats. Gerade jetzt entsann ich mich Deines verzweifelten Kampfes zur Rettung der letzten Gaslaterne vor dem kleinen Kiosk am Ende der Friedhelm-Maier-Straße, deren flackerndes Licht durch die fingerdicken Strahlen des Regens ich nur schemenhaft vernahm, deren Leuchten mir gerad' jetzt den Weg wies aus Kloake und Sumpf. Wie anders wäre mein Weg verlaufen ohne dies rettende Licht aus Deiner Hand.
Nur Dein Schweigen ließ mich besinnen auf die Einsamkeit meines momentanen Daseins in dieser kalten Nacht. Warum, oh Geliebte, schwiegst Du gerade jetzt im Zustand der höchsten Verzweiflung einer voraussichtlich mehrere Tage andauernden Erkältung, die mir mit hoher Wahrscheinlichkeit einigen ärger bei meiner Arbeitsstelle im Autohaus Hoppenhöfer&Höhner einbringen wird. War es die Wortlosigkeit der Liebe in der Sehnsucht der Wiederkehr in dieser nassen kotigen Nacht? War es die Liebe zur Wortlosigkeit der Liebe in einer ansonsten realistischen Beziehung; oder war es gar die Unvereinbarkeit von Liebe und Lust im Wechselbad von Sehnsucht und Gier; oder war es am Ende die Entfernung vom Hause der Friedhelm-Maier-Straße 12 bis hier vor dem geschlossenen Kiosk mit der Hausnummer 124. Ich gedachte der Dämpfung der Schallwellen in dieser wasserdurchtränkten Atmosphäre.
Wie immer auch Dein Schweigen zu deuten war in dieser bedeutsamen Nacht der Erinnerung an Heros und Tod durch eine akute Bronchitis - es spielte keine Rolle in der Empfindung meiner zwischen Liebe und Erkältung reflektierenden Seele. Ich fühlte am Ende nur den aufkeimenden Schnupfen, der sich durch einen donnernden Nieser in meiner armseligen Gegenwart ankündigen sollte.
Wie dankbar war ich noch, als ich die Stätte der Liebe verließ und Du mir zuflüstertest: "Es regnet, nimm den Schirm." Oh hätte ich nur auf Dich gehört, meine Geliebte, um wieviel weniger wäre ich durchnäßt gewesen auf meinem beschwerlichen Weg durch den Unrat einer Wohlstandsgesellschaft. Doch es blieb mir nur Dein Schweigen, dieses Mysterium des Fehlens einer wellenförmigen longitudinalen Luftbewegung zwischen Deinen Lippen und meinem Ohr.


Erich Romberg, Mai 1999

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